Raimund Fleiter | Musiker & Komponist

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Der Artikel wurde geschrieben am 07 Jun 2011, in der Kategorie Cantate pour Florent, Kompositionen.

Über die »Cantate pour Florent«

I · Tu voleras

II · Dédale à Icare

III · Mon bel amour, mon aventurier

IV · Il fait froid

V · La dispersion des cendres

VI · De Dédale sur Minos

VII · 14 Janvier

Die meisten meiner bisherigen Veröffentlichungen sind Instrumentalwerke und Lieder aus dem Bereich der Jazz- und Experimentalmusik. Warum beschließe ich, mich mit einer alten musikalischen Form als Komponist wieder zurückzumelden?

Für Wegbegleiter vorangegangener Projekte ist diese Tatsache nicht ganz so überraschend, weil ich schon häufig moderne Kompositionen in tradierten Formen aufgeführt habe.

Auch für den Anlass meiner Kantate greife ich bewußt auf eine bewährte und ehrwürdige Form zurück. Es gilt, sich mit einem schwierigen und im konkreten Fall auch sehr persönlichen Thema auseinanderzusetzen: »Wie bewältige ich Trauer?«

Vor zwei Jahren war ich Zeuge einer bewegenden Zeremonie, die den Tod eines jungen Mannes beklagte. Bewegend und auch beeindruckend war die Tatsache, daß diese Zeremonie keinem vorgeplanten Ablauf, schon gar nicht einem liturgischen folgte, sondern wie zufällig am Ende alle Emotionen zur Sprache brachte, die uns berührten: Während der über zwei Stunden langen säkularen Trauerfeier mit vielen alten und jungen Beteiligten wurden wir konfrontiert mit der Klage der Verwandten über den Verlust des Angehörigen, der Wut der Freunde, der unendlichen Trauer der Geliebten … es war, als wenn alle unterschiedlichen Gefühle, die sich mit dem Tod eines Menschen einstellen, die Trauerhalle ausfüllten. Wahrscheinlich weil sich alles so unverstellt, so ungeplant vollzog, weil die Trauernden mit viel Respekt und Wertschätzung einander zuhörten, entstand in diesem Augenblick eine tiefe Verbundenheit untereinander und, ich bin sicher, für die meisten das Gefühl, dem Verstorbenen eine würdige Ehre erwiesen zu haben.

In mir erzeugte es den Wunsch zu versuchen, Florent musikalisch zu gedenken und dabei dieses Gefühl der Verbundenheit von uns Hinterbliebenen zu bewahren.

Ich begann, eine Trauerkantate zu komponieren, ohne eine genaue Vorstellung von der endgültigen Form. Die ersten Ergebnisse waren Vertonungen von Trauerreden, die während der Zeremonie gehalten wurden, bzw. von Texten, die Bezug nahmen auf das Zerstreuen der Asche des Verstorbenen in der freien Natur.
Den entscheidenden Impuls für die inhaltliche Struktur des Werks erhielt ich durch ein Gedicht, das ein erst sechsjähriges Mädchen im selben Jahr geschrieben hatte und das mir Verwandte des Verstorbenen mit Hinweis auf den Tod Florents zugesandt hatten:

 

Il était une fois … rien.

Dans une pluie de perles tu déroules ton secret.

Tu me le souffles à l‘oreille.

N‘oublie pas ce poème qui t‘offre des ailes.

Non, je ne triche pas, je ne te mens pas.

Je t‘assure que c‘est vrai:

Tu voleras

 

Es war einmal … nichts.

In einem Regen von Perlen entrollst du dein Geheimnis.

Du flüsterst es mir ins Ohr.

Vergiss dieses Gedicht nicht, das dir Flügel verleiht.

Nein, ich mogele nicht, ich lüge dich nicht an.

Ich versichere dir, daß das wahr ist:

Du wirst fliegen.

 

Dieses Gedicht kann man lesen als eine metaphysische Verarbeitung des Todes allgemein, aber auch als eine Beschreibung des Lebensgefühls von Florent und zugleich als eine Vorahnung seines gewaltsamen Endes: Er kam zu Tode, als er bei einer überaus gefährlichen Skitour verunglückte. Der Unfall deckte für uns Hinterbliebene auf, was gewollter Teil seines Daseins war: Er suchte immer wieder riskante sportliche Herausforderungen.

Für mich enthält das Gedicht des kleinen Mädchens – auch im Hinblick auf Florents Tod – eine Umschreibung von Freiheit. Ich beschließe, meine Kantate weiter zu komponieren mit dem Begriff der Freiheit als übergeordneten Gedanken und setze das Gedicht programmatisch an den Anfang des Stücks. Die Idee vom »Fliegen« als Metapher für »Freiheit« greife ich bei zwei Adaptionen aus dem Dädalus-Mythos auf; im ersten Text die Euphorie bei der Aussicht, sich tatsächlich Flügel wachsen zu lassen, im Zweiten die Freiheit, sich von einem Tyrannen zu befreien.

Die Kantate schließt mit der Vertonung eines aktuellen Gedichts, das die Umwälzungen in Tunesien von Anfang 2011 beschreibt. Es ist ein mutiges Plädoyer für die Freiheit und sein Titel 14 Janvier stellt eine Anspielung auf den »14 juillet«, den Nationalfeiertag der Franzosen dar.

 

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